Schüren finanzieller Fronten

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Die Hatz auf Hartz-4 Empfänger

Zugegeben, mich interessierte Politik nicht. Für Finanzpolitik erst recht nicht. Inzwischen ist das anders, obwohl ich mich keinesfalls als politisch denkend, sondern menschlich denkend bezeichnen würde. Mir stößt spätestens seit Hartz-4 die Kluft zwischen Armut und Reichtum auf. Gewiss bin ich selbst nicht reich, aber auch nicht ganz arm. Meine Sympathien tendieren mehr zu den Armen, denn zu den Reichen. Eine Antipathie gegen die Wohlsituierten und Steinreichen habe ich nur dann, wenn sie ihre Reichtümer für unmenschliche Ausgaben einsetzen. Schon seit mehreren Jahren beobachte und verfolge ich die Mainstream-Nachrichten, in denen man immer wieder damit konfrontiert wird, dass man Arbeitslose fördern und fordern muss. Prinzipiell spricht dagegen nichts, denn sowohl fördern wie auch fordern kann positiv sein, muss es aber nicht. Als nicht mehr positiv empfinde ich fördern und fordern, wenn man dies im Kontext damit tut, alle Menschen die keinen Job haben, auf ein- und dieselbe Stufe zu stellen. Auf diese, dass Arbeitslose faul, desinteressiert und nicht arbeitswillig seien. Für sehr grenzwertig empfinde ich es auch, dass man aus Sicht vieler Arbeitslosen alles Mögliche zumuten kann, nur um sie endlich in Arbeit zu bringen. Warum ich das so empfinde beruht auf zwei wesentlichen Gründen. Einerseits sorgen die zunehmende Technisierung der Produktion sowie die völlige Computerisierung dazu, dass Arbeiten von der Technik ausgeführt und viele Arbeiten auf ein Minimum des Bedarfs an menschlicher Arbeit reduziert werden. Es werde also nicht mehr so viele aktiv arbeitenden Menschen benötigt, um etwas zu produzieren oder zu erledigen. Die Folge davon ist, dass man weniger Arbeiter benötigt, weil Maschinen die Arbeiten übernehmen, die zuvor von Menschen erledigt wurde. Dies lässt den Schluss zu, dass es faktisch weniger Arbeitsplätze gibt und nicht mehr alle mit einem Arbeitsplatz versorgt werden können. Der zweite Grund, warum ich es nicht zulässig finde, Menschen alles Mögliche abzuverlangen, um in Arbeit zu kommen, setzt sich aus einer Vielzahl von verschiedenen Faktoren zusammen.

Warum man Menschen nicht alles Mögliche zumuten sollte

Der Mensch ist ein Lebewesen, das denkt und empfindet. Nur die wenigsten von uns sind gerne Druck ausgesetzt, wenngleich bei einigen Menschen Druck das einzige Mittel ist, sie zu bewegen. Darum kann man eventuell nicht immer vermeiden, Druck auf Menschen auszuüben. Erscheint Druck die einzig mögliche Option, sollte die Verhältnismäßigkeit gewissenhaft abgewogen werden. Sicherlich ist es nicht in Ordnung, wenn man einen Sozialschmarotzer von Druck verschont, wo er die Gesellschaft schädigt. Die Frage ist aber, ob es nicht sinnvoller wäre, die knappen finanziellen Mittel nicht in Sozialschmarotzer zu investieren, anstatt diese zu fördern, die wirklich aus Harzt-4 herauskommen wollen? Für den nicht wollenden Sozialschmarotzer wäre zwar das Fördern & Fordern eine Strafe, die man eventuell gönnen könnte. Aber würde es die Meinung und das Verhalten eines solchen ändern? Wäre nicht eine aufwändigere Förderung eines arbeitswilligen Menschen der wirklich bemüht ist, die volkswirtschaftlich lohnendere Investition? Wie mag sich der arbeitswillige Mensch fühlen, wenn er mit dem Sozialschmarotzer in den gleichen Topf geschmissen wird, womöglich eine beantragte Förderung abgelehnt bekommt aber gleichzeitig mit anschauen muss, wie der Staat für Nichtarbeitswillige voraussehbar in den Sand setzt? Menschen, die aus irgendwelchen Gründen keinen Job haben oder keinen finden maximal zu fordern und ihm vollen Einsatz abzuverlangen, kann eine sinnvolle Maßnahme sein. Doch auch wie weit darf man dabei gehen. Hat ein Mensch nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn er alles in Kauf nimmt, alles mit sich machen lässt, nur, damit er in Arbeit kommt? Wie sinnvoll sind die Praktiken, mit denen man Arbeitslose in Arbeit zu bringen versucht? Wie menschlich sind sie? Ist es effektiv, von Menschen zu verlangen, dass sie eine zweistündige Anfahrt zum Arbeitsplatz zu akzeptieren haben? Gibt es dort, wohin dieser Mensch zwei Stunden täglich an- und abreisen muss etwa niemand, der arbeitslos ist und diesen Job ausfüllen konnte? Was bringt eine erzwungene Umschulung, wenn der Mensch kein Interesse daran hat? Wäre es nicht erfolgversprechender, persönlichen Interessen bei einer Umschulung den Vorrang zu geben? Oder zumindest mehr Mitspracherecht bei der Schaffung beruflicher Perspektiven zu gewähren? Stehen die Ausgaben für wenig aussichtsreiche Maßnahmen im Verhältnis mit den Chancen, die man damit schafft, einen Menschen in Arbeit zu bringen? Nicht immer bekommt man Einblick, wie das Fördern & Fordern ganz konkret in Einzelfällen abläuft. Doch wo man Einblick hat, kann man fast immer suboptimale Maßnahmen beobachten, die diese Form der Arbeits- und Finanzpolitik in Frage stellen. Man kann darüber nachdenken, ob nicht das Fördern & Fordern selbst eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ist, die zudem auch noch einen sehr lukrativen Wirtschaftszweig ausgebildet hat, der in der Fachsprache als Investition in Humankapital bezeichnet wird. Und so wird die Kluft zwischen arm und reich immer größer, der Abstand zwischen Armut und Reichtum immer gravierender.

Fronten schaffen und Nutzen daraus gewinnen

Am lukrativsten ausbauen lässt sich der neue Wirtschaftszweig, indem man die Bevölkerung spaltet. Ist erstmal abgegrenzt, was reich und arm bedeutet, hat man zwei Gruppen gebildet und das Ziel fast schon erreicht. Die Menschen in Armut wünschen sich, man nehme den Reichen ein Stück vom Reichtum. Die Reichen zeigen auf die Menschen, die in Armut leben und die ihnen auf der Tasche liegen. Der Ruf nach noch mehr Druck, noch mehr Fördern & Fordern bei Empfängern von Hartz-4 wird stärker, ebenso der Ruf danach, die Reichen noch mehr in die finanzielle Verantwortung zu ziehen. Erst unlängst habe ich nebenbei die Eröffnung einer politischen Diskussionsrunde mitbekommen, in der darüber sinniert wurde, ob man Reiche nicht dazu zwingen sollte, einen Teil ihres Vermögens dem Staat zu leihen. Zugegeben, dieser Gedanke hätte etwas, zumal es mich nicht beträfe. Ich bin ja nicht reich. Allerdings bin ich ein denkender Mensch, der auch in Sachen Gerechtigkeit eine Meinung hat. In diesem Fall bin ich solidarisch mit den Reichen, zumindest mit einem Großteil von ihnen. Warum sollen Reiche für das unvermögende Handeln der Politiker, Wirtschaftsbosse und sonstigen Verantwortlichen finanziell einstehen? Ich will ja auch nicht dafür in der Haftung stehen, wenn mein Nachbar mit dem Fußball eine Fensterscheibe zerschießt. Sind alle Reichen es schuld, wie es um die Wirtschaft bestellt ist? Das mag ich nicht glauben, weil ich andere Faktoren, wie etwa die Technisierung, viel eher als einen der dafür verantwortlichen Gründe in Betracht ziehe. Unabhängig von der Frage, ob die Zwangsdarlehen eventuell die Richtigen treffen würde, wäre dann auch noch die Frage offen, ob und was es bringen würde. Angenommen der Fall, ich lebte in Reichtum, würde ich mir bei einem solchen Gesetz überlegen, ob ich nicht meinen Lebensmittelpunkt in ein anderes Land auslagern würde. Außerdem würde ich mir Sorgen machen, ob der finanziell angeschlagene Staat mir jemals mein zwangsverliehenes Geld zurückzahlen könnte und würde. Und ich hätte Sorge, dass auch mein zwangsverliehenes Geld irgendwo sinnlos versickern und nicht das angekündigte Ergebnis bringen würde. Obwohl ich nicht in Reichtum schwelge, kann ich also den Ärger der Reichen zu gut verstehen und schlage mich in diesem Fall auf ihre Seite, weil ich dabei nicht das Gefühl habe, den Menschen in Armut und Empfängern von Hartz-4 mit meiner Ansicht in den Rücken zu fallen. Eine konkrete Idee für ein Konzept zur Rettung der Wirtschaft habe ich nicht. Muss ich das? Weder bin ich politisch, noch bin ich wirtschaftlich, aber denkend.

Gedachte und gewünschte Lösungsansätze

Dass es gewiss nicht einfach ist, einen Staat erfolgreich zu führen, wird wohl niemand in Frage stellen. Auch, dass es kein Leichtes ist, die Volkswirtschaft zu handlen, dürfte wohl für die meisten Menschen nachvollziehbar sein. Andererseits könnte es vielleicht doch leichter sein, als man annimmt. Nehmen wir das Beispiel einer Mutter. Sie organisiert tagtäglich ihre Familie. Dazu gehört Haushaltsmanagement, Versorgung der Familie mit Nahrung, Verwaltung der Finanzen und die Absicherung der Gesundheit, soweit es in ihre Möglichkeiten zulassen. Ganz egal, ob sie reich oder arm ist, muss sie aus ihren Mitteln schöpfen. Lebt man im Reichtum, ist dies natürlich um einiges leichter. Doch was tun jene Mütter, die nicht mit 500 Euro Scheinen den Staub aus der Vitrine wedeln? Sie wird kreativ. Sie backt das Brot selbst, lässt ein paar teure Gewürze aus dem Lieblingsrezept, verzichtet auf Vieles, damit es nach Möglichkeit den Kindern an nichts mangelt und sie kocht täglich, anstatt ins Restaurant zu gehen. Sie flickt Socken, T-Shirts und Hosen, anstatt einfach neue Kleidung zu kaufen. Sie nimmt auch schon mal getragene Kleidung von Nachbarskindern an und freut sich, wenn ihr die Oma oder der Opa mal einen Fünfziger in die Hand drückt mit dem begleitenden Satz: „Kauf den Kindern davon ein paar neue Schuhe!“. Diese menschliche und wunderbare Geste funktioniert im Kleinen. Vielleicht sollte sie auch einmal im Großen angewandt werden. Reiche Menschen sind bereit, zu geben. Doch viele haben die Spendenquittung dabei im Sinn und deshalb unterstützen sie Stiftungen, Vereine und ähnliche Organisationen, weil diese Spendenquittungen ausstellen dürfen. Sie lassen sich dann auch nicht lumpen und so kann ein Spendenscheck auch schon mal ein paar Nullen links des Kommas enthalten. Das an sich ist trotz der Spendenquittung eine tolle Sache. Ebenfalls toll wäre es auch, wenn im Reichtum lebende Menschen auch neben der Spendenquittung soziale Verantwortung übernehmen. Aber das gilt auch für die Menschen, die in Armut leben. Öfter mal weniger an sich selbst denken, dafür auch mal selbstlos und unkompliziert helfen, wo es akut nötig ist, dann wären wir menschlich einen großen Schritt weiter und vielleicht würde dies auch in der Finanzpolitik spürbare Erfolge erzielen. Auch hier ein Beispiel aus Hartz-4. Eine alleinerziehende Mutter, die sich selbständig machen möchte und nur die verhältnismäßig wenig finanzielle Förderung für einen PC-Arbeitsplatz benötigen würde, käme ihrem Arbeitsplatz einen gewaltigen Schritt näher, würden Jobcenter diese finanziellen Mittel unbürokratisch bereit stellen können. Würde der bürokratische Aufwand für die regelmäßige Bilanzierung im Rahmen der Hartz-4 Weiterbewilligung deutlich geringer sein, bliebe der Selbständigen mehr Zeit, sich um Einnahmen zu kümmern. Lägen die Krankenkassenbeiträge für die Jung-Selbständige mit aufstockenden Hartz-4 Leistungen niedriger, würde ihr mehr Geld zur Verfügung stehen, mit dem sie ihren Teil zur Wirtschaftssanierung beitragen könnte und sie wäre noch mehr motiviert, finanziell unabhängig zu werden, wenn sie die Vorzüge eines guten und vor allem ausreichenden Einkommen genießen könnte und ihr auch noch Zeit für Kinder, Freizeit und Erholung bliebe. Anstatt die Menschen zu spalten, wäre ein Schritt hin in Richtung mehr Menschlichkeit auch positives Bindeglied zwischen arm und reich, ohne dass Sozialneid entstünde. Doch lässt sich damit Geld verdienen? Stattdessen bleibt wohl alles beim Alten. Die Reichen sind an der Armut der Armen schuld, die sind nur deshalb arm, weil sie faul sind und die Wirtschaft geht immer weiter den Bach runter.

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