Kinder & Eltern im Jahre 2015

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Kinder, die keine mehr sein dürfen

Versteht eigentlich heute noch jemand die Gesellschaft? Als Mutter von drei Kindern und im Alter von 43 Jahren kenne ich noch die Kindheit von früher. Es war ganz normal, dass ich als Kind draußen tobte, mich schmutzig machte, mir Beulen, blaue Flecken und Schrammen holte oder meine Hose an einem Baumstamm zerriss. Ich wollte lieber spielen und toben, anstatt mit dem Hintern still auf einem Stuhl zu sitzen. Gut. In die Schule musste ich trotzdem. Auch die Hausaufgaben mussten erledigt werden. Aber da gab es noch die Nachmittage. Die Wochenenden und die Ferien. Ich hatte viel Freizeit und Begriffe wie ADHS und Förderung schien es in meiner Kindheit nicht zu geben.

Das Verhältnis von Lehrern zu Eltern war ein anderes, als ich es heute erlebe. Heutzutage sind die Lehrer allwissend und geben nicht nur in schulischen Belangen die Regeln vor, sondern versuchen ebenfalls, den familiären Alltag zu bestimmen. Lehrer legen fest, wie viel die Kinder zu lernen haben. Lehrer legen auch fest, ob sich ein Kind gut entwickelt oder nicht. Lehrer erheben Diagnosen und schlagen gleich eine passende Therapie vor.

Dies ist nicht nur mein Empfinden, sondern die Faz berichtet über den Kinderarzt Michael Hauch, der zu einer ähnlichen Erkenntnis fand. Zu kritisieren ist zudem die Akzeptanz seitens der Eltern, die einer erstellten Diagnostik der Schullehrer kaum noch Zweifel entgegenbringen. Konfrontiert eine Lehrerin oder ein Lehrer die Eltern mit festgestellten Verhaltensauffälligkeiten und regt zur Therapie an, hinterfragen Väter und Mütter kaum mehr, sondern fordern vom Kinderarzt direkt eine Überweisung zu einem Therapeuten an. Das klingt nicht nach mündiger Elternschaft und sorgt dafür, dass Eltern nach und nach ihre Verantwortung in andere Hände abgeben.

Kinder brauchen Kindheit
Kinder brauchen Kindheit

Die Elternrolle, wie sie sein sollte

Selbstverständlich gibt es Kinder, die ADHS haben und hier und da braucht ein Kind besondere Förderung. Das steht außer Frage. Doch Lehrer sind keine Halbgötter in Weiß und auch nicht allwissend. Kinder sind keine Maschinen, die auf Knopfdruck 100 Prozent Leistung erbringen müssen. Jedes Kind ist einzeln zu betrachten und jedes Kind hat seine eigene Bereitschaft, Leistung zu erbringen und das Talent eines jeden Kindes ist ebenso einzigartig, wie seine Leistungsbereitschaft.

Ich kann es allzu gut verstehen, dass es Lehrern nur Recht wäre, kleine uniformierte Wesen vor sich sitzen zu haben, die leise und hochkonzentriert jeder Schulstunde aufmerksam zu folgen bereit sind. Kinder, die den Mund nicht aufmachen, lediglich den Lehrstoff in sich aufsaugen, die Kompetenz der Lehrer mit Bestnoten testieren und ansonsten ebenfalls in jeder Hinsicht unkompliziert sind. Das würde den Lehreralltag ungemein erleichtern und zu einem echten Traumjob werden lassen.

Doch so funktionieren Menschen, und erst recht Kinder nicht. Es soll, kann und darf keine Lösung sein, Kindern eine Therapie aufzudrängen, sie mit Förderung in Form zu pressen oder ihnen ADHS anzudichten, um einen Weg zu finden, sie ruhig zu stellen und sich einen ruhigen Alltag auf diese Weise zu verschaffen. Dies gilt weder für Lehrer, noch für Eltern.

Kinder sind anstrengend und einzigartige Individuen und sie stehen genau für das, was die Politik uns als wichtig und richtig vermittelt: Zu akzeptierende Wesen. Denn vor dem Gesetz sind wir alle gleich. Eltern müssen sich dagegen wehren, ihre Kinder formatieren zu lassen, damit sie den Lehrern in den Berufsalltag passen. Eltern müssen sich schützend vor ihre Kinder stellen, um sie vor falschen, überflüssigen und nicht immer vorteilhaften Diagnosen, Therapien und anderweitigen Behandlungen zu schützen, so sie nicht nötig bzw. berechtigt sind. Kinder haben das Recht auf Entfaltung und nicht auf Normierung.

Eltern müssen wieder mehr ihre Elternrolle und somit einerseits ihre Rechte, andererseits auch ihre Pflichten wahrnehmen. Dies heißt ganz konkret:

  • Die Kinder darin unterstützen, ihr Kindsein zu leben.
  • Die Kindheit zuzulassen, anstatt das Kind zu einer Leistungsmaschine zu formen.
  • Gegenüber Lehrern Widerstand zu leisten und selbst mehr auf die Bedürfnisse des Kindes zu achten.
  • Mehr Vertrauen in die eigene Mutterrolle oder Vaterrolle zu setzen.

Kinder werden ohnehin so schnell groß und die Kindheit sowie das Kindsein sollten wir als Eltern zulassen und unterstützen. Kinder lernen auch ohne Förderung und können sich prima entwickeln. Der Alltag eines Kindes sollte nicht dem Terminkalender eines Managers gleichen, bei dem Freizeit und Ruhephasen Mangelware sind. Kinder sollten an die frische Luft dürfen, anstatt immerzu mit dem Kopf über den Schulbüchern zu hängen. Auch draußen gibt es vieles, was sie lernen können. Sie können die Natur kennen, lieben und schätzen lernen, auf dem Spielplatz mit Freunden ihre sozialen Kompetenzen ausbauen, Erfahrungen darin sammeln, wenn man sich mit dem besten Freund streitet und wieder verträgt oder die beste Freundin trösten, wenn sie traurig ist.

Kinder lernen im Alltag für´s Leben

Bildung ist gut und wichtig. Doch Bildung, das Aufsaugen von Schulstoff hat seine Grenzen und jeder noch so gut gebildete Mensch braucht soziale Kompetenzen, die wichtig sind, um sich im Erwachsenenleben zurecht finden zu können. Jeder Mensch, so auch kleine Menschen, haben das Recht, sich frei zu entfalten. Das eine Kind ist lebhafter, das andere ruhiger. Ein Kind lernt schnell, ein anderes lernt auf seine Weise. Doch wirklich an ADHS erkrankt und gezielter Förderung bedürftig sind nur die allerwenigsten Kinder. Wir, die heute erwachsen sind und unsere Kindheit in einer Zeit erlebt haben, als Toben, Spielen, frech sein und sich draußen mit Freunden treffen ganz normal war, können uns daran erinnern, dass wir eine schöne Kindheit erlebt haben, in der Kindsein noch erlaubt war.

Ich jedenfalls habe nicht den Eindruck, dass mir mein Rumgezappel auf dem Stuhl, damals in der 7. Klasse im Technischen Zeichnen Unterricht geschadet hat. Genauso wenig meinem Klassenkamerad Dirk, der es lustig fand, dem Vordermann mit dem Zirkel in den Hintern zu piksen. Oder Erik, der damals wirklich ein schwieriges Kind war, heute aber sehr erfolgreicher Unternehmer ist. Selbst Jochen, ein Mitschüler, der damals zwei Ehrenrunden drehte und mehr Gespräche mit dem Direktor als Schulstunden auf dem Kerbholz hatte, wurde im Erwachsenenleben erfolgreich. Sogar Sascha, der damals eine Rechtschreibung zum Weglaufen hatte, hat sich als Erwachsener im Leben eingefunden und ist glücklich.

Wir alle, Erik, Dirk, Sascha, Jochen und ich – waren keine normierten Kinder. Genauso wenig, wie fast alle aus unserer Klasse. Nur zwei Mädchen und ein Junge von damals wurden auf „Spur“ getrimmt. Doch deshalb wurden sie nicht besser oder schlechter, als wir, ihre Mitschüler.

Bei keinem Kind aus der Schulklasse wurde ADHS festgestellt, obwohl auch wir Zappelphilippe in der Klasse hatten. Obwohl Sascha tatsächlich eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hatte, bekam er keine Förderung, sondern die Chance, sein Leben so auszurichten, wie er es konnte. Handwerklich war und ist er ein As und auch im Rechnen war er stark. Und deshalb ist aus ihm etwas Vernünftiges geworden. Er orientierte sich beruflich an seinen Fähigkeiten, seinen Interessen und seiner Leidenschaft.

Warum starke Eltern wichtig für Kinder sind

Ich bin überzeugt, dass Kinder starke Eltern brauchen, um zu einer starken Persönlichkeit heranzuwachsen. Starke Eltern sind für mich Väter und Mütter, die ihren Verstand einsetzen und sich nicht behandeln lassen. Mit jedem Mal, wo ein Kind mitbekommt, dass Mama oder Papa nicht eigenständig wichtige Entscheidungen treffen sondern ihnen Vorgaben gemacht werden, wird den Kindern gezeigt, dass die Eltern kaum mehr etwas zu sagen haben. Doch gerade der enge Draht zwischen Eltern und Kindern ist es, die solide Bindungen und eine gute Vertrauensbasis schaffen.

Lehrer schaufeln sich meiner Meinung nach die eigene Fallgrube, wenn sie Eltern aus ihrer Verantwortung und ihrer Elternrolle drängen. Genauso falsch ist es, im Beisein der Kinder die Elternrolle zu torpedieren und Eltern zu sagen, was sie zu tun bzw. zu lassen haben. Das letzte Wort sollten die Eltern haben, dann sind sie eine Autorität, die erziehen kann.

Lehrer von heute betrachten Eltern als Personen, die mit der Lehrerschaft zusammenarbeiten müssen. Ja, das sollten Väter und Mütter. Doch das Rollenbild verschiebt sich zunehmend. Schon Kindergärtnerinnen mischen sich zu sehr in das Privatleben von Familien ein, treffen zu wichtige Entscheidungen, die z. B. die frühkindliche Aufklärung betrifft.

Die Folge von zu viel Einmischung in die Familie ist eine Verschiebung gesellschaftlicher Werte. Eltern, die immer weniger Rechte haben, erfüllen auch ihre erzieherischen Pflichten nicht mehr richtig. Die Wertevermittlung zum Wohle des Kindes findet meiner Meinung nach immer noch in der Familie statt. Daher darf das Recht auf Erziehung nicht durch Kindergarten, Schule und Fremderziehung beschnitten werden, denn hier läuft der Hase irgendwie falsch, wie man auch an der neuen BZgA Kampagne Kindergartenbox – Entdecken, Schauen, Fühlen! einmal mehr sieht.

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